Geschichte der Eisenbahn und des Fernverkehrs in Jena

"Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren", sagte einst Richard von Weizsäcker. Schon einmal, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, war Jena die Universitätsstadt mit den ungünstigsten Verkehrsverbindungen in Deutschland. Der Initiative von Vertretern der Universität und Wirtschaft war es zu verdanken, dass ein Vierteljahrhundert später mit der Saalbahn die erste Eisenbahn nach Jena eröffnet wurde, die sich in den Jahrzehnten danach nicht nur zu einer wichtigen deutschen Nord-Süd-Magistrale entwickelte und viele berühmte Züge sah, sondern auch einen beispiellosen Aufschwung der Stadt ermöglichte. Das 1851 gegründete ,,Jenaische Centralcomité zur Erbauung einer Thüringer Saalbahn“ wollte eine Eisenbahn von Großheringen durch das Saaletal zum Anschluss an die projektierte Strecke von Sonneberg nach Lichtenfels über Coburg verwirklichen. Die Vertreter dieses Komitees – vor allem die Professoren der Jenaer Universität Schleiden, Danz und Schmid – baten am 8. Juli 1852 in einem Schreiben an den Gemeinderat Jenas um Unterstützung:

... so scheinen doch über die Vortheilhaftigkeit einer solchen Bahn für die Stadt Jena noch gar manche verschiedenen Ansichten zu herrschen, welche den Fortgang des Unternehmens hemmend in den Weg treten könnten. Es bedarf keiner Auseinandersetzung von unserer Seite, um den Gemeinderath darauf hinzuweisen, wie eine solche Bahn auf unsere aufblühende Industrie von dem erfreulichsten Einfluß sein würde. Es bedarf ebenfalls keiner Ausführung, daß eine solche Bahn das jetzt isolirte – weit aus dem Verkehr des Lebens hinausgedrängte Jena wieder in den Weg der großen Weltstraßen bringen würde und so einen entscheidenden fördernden Einfluß auf das Gedeihen unserer Universität ausüben würde. Es liegen nur zu viele Beispiele vor, daß Studierende welche bei der Wahl einer Universität schon zum Theil günstig für Jena gestimmt waren, nur aus dem Grund einen anderen Ort wählten, weil, wie sie sagten, Jena außer der Welt sei und keinen erfreuenden Aufenthalt mehr darbieten könnte ...

Es dauerte aber noch ein Vierteljahrhundert, ehe diese Wünsche in Erfüllung gingen.

  • 1. Mai 1874 Inbetriebnahme der Saalbahn von Großheringen über Jena nach Saalfeld.
  • 29. Juni 1876 Eröffnung der Weimar-Geraer Eisenbahn von Weimar über Jena nach Gera.
  • Sommer 1886 Erster Schnellzug auf Weimar-Geraer Eisenbahn bzw. Saalbahn: Erfurt – Weimar - Göschwitz - Saalfeld - Probstzella - München (verkehrte bis 1888).
    Auf der Saalbahn verkehrten weitere Schnellzüge, aber nicht über Großheringen bzw. Saalfeld hinaus.

Erst mit der Verstaatlichung der beiden Privatbahnen und der Übernahme durch Preußen im Jahr 1895 gewannen beide Bahnen überregionale Bedeutung und konnten für den Fernverkehr erschlossen werden. Besonders die Saalbahn war für Preußen wichtig, weil über diese so schnell wie möglich der Fernverkehr nach München geführt werden sollte. Bisher wurden diese Züge über Weißenfels – Zeitz – Gera – Saalfeld geführt. Diese Linienführung war ca. 30 km länger und die Steigungsverhältnisse ungünstiger.

  • 1. Mai 1898 Der Schnellzug Wien - Eger (Cheb) - Gera - Jena - Weimar - Cassel - Aachen verkehrt erstmals über die Weimar-Geraer Eisenbahn.
  • 1. Mai 1899 Die Verbindungsbahn Ost bei Großheringen wird in Betrieb genommen, damit direkter Übergang von der Saalbahn in Richtung Halle/Leipzig und umgekehrt.
  • 1. Mai 1900 Das erste Schnellzugpaar D 39/40 zwischen München – Jena und Berlin verkehrt über die Saalbahn.

Schnellzug D 40 Berlin-München | Foto Sammlung Werner Drescher
Foto Sammlung Werner Drescher

  • 1903 Beginn des zweigleisigen Ausbaus der Saalbahn.
  • 1911 Beginn des zweigleisigen Ausbaus der Weimar-Geraer Eisenbahn.
  • Sommer 1912 Erstmaliges Verkehren des Schnellzugpaares, später Fernschnellzugpaares 79/80 Berlin - München über die Saalbahn: mit diesem Zugpaar begannen erste Versuche in der Zugtelefonie in Deutschland.
  • Im Sommer 1913 verkehrten bis zu vier Schnellzugpaare, die in Jena hielten.

Schnellzug D 40 Berlin-München | Foto Sammlung Werner Drescher
Foto Sammlung Werner Drescher

  • 1. Mai 1914 Inbetriebnahme des Hochdammes der Saalbahn in Jena; damit ist die Saalbahn und auch die gesamte Verbindung zwischen München und Berlin durchgehend zweigleisig befahrbar.
  • 1935 Beginn der Elektrifizierung der Saalbahn.
  • 15. Mai 1936 Aufnahme des Schnelltriebwagenverkehrs zwischen Berlin - Leipzig - Nürnberg/München bzw. Nürnberg/Stuttgart.
  • Im Sommer 1939 verkehrten täglich bis zu sechs Schnellzugpaare, drei davon als Nachtzüge, mit Halt in Jena.
  • 2. November 1942 Durchgehender elektrischer Zugbetrieb zwischen Nürnberg – Saalfeld – Jena und Leipzig möglich.
  • 7.–9. April 1945 Bombardement von Anlagen der Saalbahn; u. a. Zerstörung des Jenaer Saalbahnhofs und des Bahnhofs in Saalfeld; Einstellung des Betriebes.
  • 9.-13. April 1945 Sprengung der Brücken u. a. im Hochdamm in Jena, der Brücke über Saale und Roda bei Göschwitz; damit Verkehrsunterbrechung der Weimar-Geraer Eisenbahn.
  • 16. Mai 1945 Wiederaufnahme des Betriebes auf Teilstrecken der Saalbahn.
  • 22. Oktober 1945 Die Saalbahn ist wieder durchgehend befahrbar.
  • 28. März 1946 Einstellung des elektrischen Zugbetriebes auf der Saalbahn, Abbau der Fahrleitung.
  • 1946 Abbau eines Gleises der Saalbahn und der Weimar-Geraer Eisenbahn.
  • 15. Mai 1949 Erstes D-Zug-Paar 1041/1042 zwischen Berlin und Saalfeld. Ein Fernverkehr in Richtung Süden war durch die Grenzziehung nicht mehr möglich. Nach 1950 verkehrten sogenannte „Interzonenzüge“, die auf dem Gebiet der DDR nicht oder nur unter besonderen Bedingungen benutzbar waren. In den 50er Jahren kommt ein zweites Schnellzugpaar zwischen Saalfeld und Berlin über Jena hinzu.

Dt 96/95 | Foto: Sammlung Frank Döbert
Ab dem 15. Mai 1949 wurde mit Dt 96/95 (D – Schnellzug, t – Triebwagen) Dresden – Chemnitz – Gera – Jena West –Weimar - Erfurt u. z. der schnellfahrende Verkehr auf der Weimar-Geraer Bahn wieder eingeführt. Foto: Sammlung Frank Döbert

  • Ab 1950 verkehrten auf der Weimar-Gera-Bahn täglich drei bis vier Paar schnellfahrende Züge zwischen Görlitz/Dresden/Chemnitz über Jena nach Erfurt. Später werden einige dieser Züge in das Ruhrgebiet verlängert, sind aber nur im „Binnenverkehr“ der DDR zur uneingeschränkten Nutzung freigegeben.
  • 23. September 1967 Aufnahme des elektrischen Zugbetriebes zwischen Weißenfels bzw. Großheringen und Camburg.
  • 1968 Beginn des abermaligen zweigleisigen Ausbaus der Saalbahn. 1981 vollendet.
  • 1970 Beginn des abermaligen zweigleisigen Ausbaus der Weimar-Geraer Eisenbahn; bis heute nicht vollendet.
  • 1970 verkehrten auf der Saalbahn drei und auf der Weimar-Gera-Bahn fünf Schnellzugpaare.
  • Ab 1972 war ein interessantes D-Zug-Paar (D94/93 später D903/D900) Dresden Hbf Chemnitz Hbf Jena West – Rudolstadt-Schwarza -Schwarzatal/Katzhütte u. z. sowohl auf der Weimar-Gera-Bahn als auch auf der Saalbahn zu sehen.

D 903 | Foto: Werner Drescher
D 903 auf dem Weg von Dresden über Jena West nach Katzhütte. Hier am 13. April 1980 in Jena-Göschwitz. Foto: Werner Drescher

  • 1973 wurden die Zugnummern neu geordnet. Auf der Saalbahn verkehrten D 500, D 504 und D 506 von Saalfeld nach Berlin. Von Berlin nach Saalfeld fuhren D 501, D 505 und D 507. Hinzu kam D 703 Leipzig – Jena –Saalfeld.

D 504 | Foto: Werner Drescher
D 504 war der letzte mit einer Dampflokomotive bespannte Schnellzug Mitteleuropas. Eisenbahnfreunde aus dem In- und Ausland pilgerten bis zum 25. September 1981 hierher zur Saalbahn, um dieses Spektakel festzuhalten. An diesem Tag entstand auch diese Aufnahme unterhalb der Dornburger Schlösser. Ab dem nächsten Tag wurde dieser Zug von einer Diesellokomotive geführt. Foto: Werner Drescher

  • Der Bedarf nach Fernverkehr stieg weiter an. Erst mit dem Sommerfahrplan 1982 konnte man dem mit einer fast kuriosen Leistung begegnen. Montags wurde D 1502 eingelegt und verkehrte von Saalfeld über Jena Saalbahnhof nach Großheringen (Betriebshalt). Diesem Zug war sogar ein Kurswagen aus Triptis beigestellt! In Großheringen wurde dieser Zug auf den D 1552, der von Erfurt Hbf kam, geschoben. Beide Zugteile fuhren dann gemeinsam als D 1552 nach Berlin weiter. Ab dem Fahrplan 1983 wurde dieser Zug als D 502 regulär von Saalfeld über Jena - Halle (Saale) Hbf nach Berlin geführt. Ab diesem Jahr waren es nunmehr vier Schnellzugpaare, die zwischen Berlin und Saalfeld unterwegs waren. Bis zur Wende sollte sich Grundsätzliches nicht ändern.
  • 9. November 1989 Öffnung der deutsch-deutschen Grenze
  • 27. Mai 1990 Der erste InterRegio (IR) hält in Jena Saalbahnhof und Saalfeld - IR 400 München – Leipzig.
  • 1991 verkehrten bereits 10 Fernverkehrszugpaare über die Saalbahn.
  • 31. Mai 1992 Der erste IC hält in Jena Saalbahnhof und Saalfeld.
    Mit dieser Fahrplanperiode wird auf der Saalbahn ein zweistündiger Takt in der Hauptverkehrszeit eingeführt. Bis 11 Fernverkehrszugpaare führen über die Saalbahn.
    Auf der Weimar-Gera-Bahn verkehrt nun dreimal täglich die IR-Linie von Aachen/Dortmund über Erfurt – Weimar – Jena West – Gera nach Chemnitz. Mit den D- und Eil-Zügen, die hier noch verkehrten, waren es bis zu 10 Zugpaare am Tag, die die Weimar-Gera-Bahn befuhren.
  • 1994 - 1995 Wiederelektrifizierung und Umbau der Bahnhöfe Saalfeld und Rudolstadt. Porstendorf und Kahla werden Haltepunkte; Auflassung der Gütergleise.
  • 28. Mai 1995 Wiederaufnahme des elektrischen Zugbetriebes auf der Saalbahn. Erste planmäßige Lok in Jena war 112 176 mit IR 2207 aus Berlin, der am 27. Mai 1995 in Jena Saalbahnhof ankam und dort endete. Überhaupt endeten und begannen in den 90er Jahren, vor allem an den Wochenenden, Fernzüge in Jena Saalbahnhof. Diese verkehrten nach München bzw. Karlsruhe!

D 1681 | Foto: Werner Drescher
Soeben im Jenaer Saalbahnhof gestartet, ist D 1681 am 3. August 1997 nach München unterwegs. Hier auf den am 1. Mai 1914 in Betrieb genommenen und 1994 sanierten Eisenbahndamm in Jena. Foto: Werner Drescher

  • 26. September 1999 Inbetriebnahme des provisorischen Haltepunktes Jena Paradies, Fernzüge halten nicht mehr in Jena Saalbahnhof, der bisherige Haltepunkt Jena Paradies wird stillgelegt.

Mimara | Foto: Werner Drescher
Zwischen 1993 und 2000 war es möglich ohne Umsteigen bis nach Zagreb zu reisen. Hier hält der „Mimara“ so der Name dieses Zuges EC 11 – in der Gegenrichtung hieß er „Mimara“ EC 10 – am 26. Mai 2000 am provisorischen Haltepunkt Jena Paradies. Die Jenaer Stadtkirche hatte noch nicht ihre Turmhaube wieder. Foto: Werner Drescher

  • September 1999 erste Versuchsfahrten mit dem ICE-T.

IR-Sonderzug | Foto: Werner Drescher
Januar 2000 - Der Bundespräsident Johannes Rau wurde von den Grünen eingeladen, um sich ich für die Erhaltung des IR-Verkehrs auf der Weimar-Gera-Bahn einzusetzen. In einem Sonderzug von Erfurt nach Gera sollte er sich selbst davon überzeugen. Foto: Werner Drescher

  • 30. Januar 2000 Beginn des planmäßigen Einsatzes des ICE-T, aber noch nicht mit aktiver Neigetechnik, da die Saalbahn zu dieser Zeit dafür noch nicht ertüchtigt war.
  • 28. Mai 2000 Einführung des Neige-Technik-Betriebes (abschnittsweise) mit ICE-T auf der Saalbahn.
  • 1. September 2000 Schließung der Fahrkartenausgabe Jena Saalbahnhof. Damit ist der Bahnhof unbesetzt, nachdem der Bahnsteigservice bereits am 26. September 1999 zu Jena Paradies Provisorium umgesetzt wurde.

IR 2454
IR 2454 "Kurhessen" Gera - Kassel/Dortmund passiert die Kulisse der Jenaer Kernberge 09.08.2000. Foto: Werner Drescher

  • 10. Juni 2001 Einstellung des IR-Verkehrs zwischen Weimar, Jena und Gera

Dezember 2004 Inbetriebnahme | Foto: Werner Drescher
Im Dezember 2004 war die Inbetriebnahme des neuen ICE-Haltepunktes Jena Paradies vorgesehen. Verzögerungen führten dazu, dass es erst am 12. Juni inoffiziell und am 18. Juni 2005 offiziell dazu kommen konnte. Aus etwas ungewöhnlicher Perspektive konnte am 17. Juni 2005 411 003 + 411 020 als ICE 1614 München - Jena - Berlin - Hamburg Altona im Bild festgehalten werden. Foto: Werner Drescher

18. Juni 2005 Mit viel Prominenz wird der neue Haltepunkt „Jena Paradies“ offiziell dem Betrieb übergeben | Foto: Werner Drescher
18. Juni 2005 Mit viel Prominenz wird der neue Haltepunkt „Jena Paradies“ offiziell dem Betrieb übergeben. Den Rahmen dazu bildet 411 030 „Jena“ der als ICE 1612 München - Berlin - Hamburg Altona zum Einsatz kam. Foto: Werner Drescher

  • 31. Oktober 2004 Die Saalbahn wird im Abschnitt Rothenstein – Saalfeld von der Betriebszentrale Leipzig ferngesteuert.
  • 10. Dezember 2006 Einführung eines Ein-Stunden-Taktes zwischen Hamburg–Berlin–Leipzig–Jena–München!
  • 27. November 2011 Alle Stellwerke von Jena-Göschwitz bis nach Camburg werden stillgelegt. Die gesamte Saalbahn, ausschließlich Großheringen, wird von der Betriebszentrale Leipzig aus gesteuert.
  • 2017 Eröffnung der ICE-Verbindung über Erfurt. Einstellung des ICE-Verkehrs über Saalfeld, Jena und Naumburg.
    Zweistündlicher Fernverkehr über die Saalbahn – Ziel der Initiative Fernverkehr für Jena

 

Text:
Werner Drescher

Quellen:
Werner Drescher - „Die Weimar-Geraer Bahn“ - Eisenbahn-Kurier Verlag Freiburg 2001
ISBN: 3-88255-451-7
Werner Drescher - „Die Saalbahn“ - Eisenbahn-Kurier Verlag Freiburg 2004
ISBN: 3-88255-586-6